Gezügelte Esser – Karriere einer Essstörung



Der Alltag wird immer schneller, lauter und fordernder. Die Zeiger der Uhr scheinen immer schneller zu rotieren. Der Erfolgsdruck wächst zunehmend und immer mehr muss in immer kürzerer Zeit geleistet werden, um Anerkennung zu ernten oder auf den Sprossen der Karriereleiter empor zu steigen. Die Gesellschaft wandelt sich und damit auch die Rollenverteilungen. So walten und schalten langsam aber sicher immer mehr Frauen in Führungspositionen und immer mehr von ihnen legen ihr Essverhalten an die Leine, denn Schlankheit und disziplinierte Zielstrebigkeit stehen hoch im Kurs. (1)

Leben auf Diät – der Preis der Schlankheit?

YouTube Preview Image

Aber auch diejenigen die “Das Unternehmen Familie” managen, wollen nicht mehr das dickliche Hausmütterchen sein, sondern in Highheels hinter einem schicken Kinderwagen durch die Einkaufsmeilen flanieren. Ein schlanker Körper wird heute als das äußere Zeichen von Erfolg und Selbstbeherrschung betrachtet und wer wird abstreiten, nicht davon zu träumen, zumindest vor den Nachbarn und Kollegen als jemand dazustehen, der es geschafft hat. So lernen immer mehr Menschen, zu Gunsten eines sehr schlanken Körpers, ihre Essensliebe und den Appetit zu disziplinieren.

Das Süssigkeitenversteck vereinsamt zunehmend auch wenn die Gedanken beständig um die Leckereien darin kreisen. Die schönsten Düfte beim Buffet werden strikt ignoriert, um die Fassung zu wahren und dem Lockruf der Köstlichkeiten nicht zu erliegen. Wenn das Essverhalten dauerhaft darauf ausgerichtet wird, eine Gewichtszunahme zu vermeiden, oder eine Gewichtsabnahme zu begünstigen, anstatt das Essen als eine genussvolle Art der Energieaufnahme zu betrachten, entsteht mit der Zeit ein immer größerer Konflikt zwischen Abnahmewunsch und Genussverlangen. Im Fachjargon werden Menschen, die ihren Hunger, Appetit und die Sättigung mit dem Kopf zu steuern versuchen, als “gezügelter Esser” bezeichnet.

Die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung einer Essstörung ist bei diesen Menschen, deren Essbedürfnis bewusst gezügelt wird, vielfach höher als bei ungezügelten Essern. Die Fähigkeit der bewussten Kontrolle, ist eine Gewohnheit, die in vielen Fällen für den Erfolg einer Gewichtsreduktion entscheidend sein kann. Deshalb sind gezügelte Esser besonders gut darin das Gewicht erfolgreich zu reduzieren. Doch der Preis der dafür bezahlt wird, wird von Tag zu Tag höher und schwieriger zu erbringen. Die ungezügelten Esser kennen z.B. keine verbotenen Nahrungsmittel, essen alles worauf sie der Appetit hinweist, lassen sich von Hunger und Sättigung leiten und sind dadurch natürlich schlank. Gezügelte Esser lassen sich vor allem durch äußere Umstände zur unangebrachten Nahrungsaufnahme verleiten und essen bei negativer Stimmung mehr, wohingegen ungezügelte Esser bei Stress und negativen Gefühlen, die heutzutage tägliches Brot sind, eher weniger essen. Wenngleich gezügelte Esser nachweislich 200-300 kcal weniger zu sich nehmen, gegenüber ungezügelten Essern, so ist derer täglicher Gesamtenergieumsatz auch viel geringer und so müssen gezügelte Esser aufgrund dessen mehr Disziplin walten lassen, um das Gewicht konstant zu halten.(2)

Gezügelte Esser können sowohl normalgewichtig, als auch übergewichtig sein. Das Auffälligste ist bei allen die unnatürlich häufige Beschäftigung mit dem Essen und dem Wunsch abzunehmen, was durch eine kognitiv gesteuerte Kontrolle mittels Instrumenten wie: Waage, Maßband und/oder Kalorien- und Punkte zählen, allgemein als „Diät halten“ bekannt, ausgelebt wird.

Das Überschreiten der selbst auferlegten Essensregeln, hat oft die Folge des absoluten Aufgebens dieser Kontrollmechanismen. Wenn die Zügel zu straff angelegt werden und kaum Spielraum für Spontanität übrig bleibt, verlangt es nach einem Ventil. Und dieses wird betätigt sobald z.B. unerwartete Ereignisse wie, Essenseinladungen, Leistungsdruck oder Konflikte mit den Mitmenschen auftreten. Dann sind die strikt geplanten und straff organisierten Abläufe „eines Lebens auf Diät“ gestört. Das kann in hemmungslosen Essanfällen münden, frei nach dem Motto: “Jetzt ist es eh alles egal!” und in Folge zu Phasen des „schlechten Gewissens“. Der Preis für diese Art der Selbstkasteiung ist eine zunehmend fallende Lebensqualität.

Das ganze Dilemma des Kontrollverlustes entsteht durch die Verbote und Gebote im Alltag, die stets und immer nur zu Ausbruchsversuchen führen können. Der Wunsch nach Entlastung aus den ermüdenden Zwängen wird durch Heisshunger und in immer häufigeren, unkontrollierbaren Essanfällen, deutlich. Die ständig um das Essen kreisenden Gedanken lösen enormen Leidensdruck und das Gefühl im Mangel zu leben aus. Ein Hamsterradrennen, welches Tag und Nacht erlittent wird, und trotz aller Anstrengung nicht aus dem Käfig herausführt.

Wenn die Erkenntnis da ist, dass ein solches Leben nicht auf Dauer gehalten werden kann, ist es Zeit die Art essen zu lernen, bei der man ohne Verbote und Gebote schlank sein kann. Sobald das gesunde Befriedigen seiner Bedürfnisse nach Nahrung, Bewegung und Anerkennung erlernt wird, entsteht naturgemäß das Verhaltensmuster, bei dem das Wohlfühlgewicht erreicht und dauerhaft beibehalten wird. Die geistigen Kontrollmechanismen können aufgegeben werden und die Fähigkeit, die körpereigenen Hunger-, Appetit- und Sättigungssignale gesund zu beantworten, wird wieder erlernt. Vor allem dann wenn der Alltag mit all seinen Stimmungen da ist, werden Wut, Traurigkeit oder aber auch Belohnungsbedürfnis nicht mehr mit – mehr essen – beantwortet.

Die Kontrollstrategien wie: das Kalorienzählen, die Vermeidung bestimmter Lebensmittel, die Bevorzugung anderer Lebensmittel und das strikte Auslassen von ganzen Mahlzeiten, werden nicht mehr zur Gewichtskontrolle benötigt. Das Essen an sich ist dann wieder Nahrung für den Organismus, damit dieser seine dienliche Arbeit reibungslos und voll gesunder Kraft nachgehen kann. Wenn die Methode stimmt, und ein Erlernen einer gesunden Einstellung zur Nahrungsaufnahme und dem eigenem Körper stattfindet, werden die Traummaße genussvoll erreicht und dauerhaft behalten.

Das Lebensziel jedes Menschen ist, sich von den alten Verhaltensmustern zu befreien die ihm angelernt wurden, oder die er sich zugelegt hat, um geliebt und anerkannt zu werden. Und so mehr und mehr das zum Vorschein zu bringen, was in ihm wirklich angelegt ist und dies der Welt zu zeigen. Das heißt, er muss sich Stück für Stück von den Eigenschaften befreien, die ihn an seinem Sein hindern. Kurz gesagt ist es der Weg zur Authentizität.

)!( Wissen ist gesund

Isabell Butzek

31.12.2008

Quellen:

(1) www.aerztekammer-bw.de/25/10praxis/85arbeitsmedizin/0706.pdf
Arbeitsmed.Sozialmed.umweltmed.42,6,2007 „Restriktives Essverhalten bei Frauen in Führungspositionen“ von Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier

(2) http://www.adipositas-online.de/diaet-abnehmen-6.htm
Studie:Laessle, Tuschl, Kotthaus und Pirke (1989)

(Deutsche Aphoristikerin und Lyrikerin Irina Rauthmann)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>